Chinesische Prüfungssituation.

  • Annika Gradert
  • 14.07.2014

  • Ein westlicher Gastprofessor war bereits seit einigen Jahren an einer chinesischen Universität in seinem Fach tätig. Wieder einmal ging es zu dieser Zeit des Jahres auf die Prüfungen zu, und der Professor war in Nöten:

    Einer seiner Studenten war zwar der Sohn eines örtlichen Parteikaders und hatte somit einen gewissen, zwar unsichtbaren, aber doch jedermann deutlich klaren Sonderstatus inne - andererseits war es ebenso klar, dass dieser Student ohne fremde Hilfe (auch genannt: Spicken) die Prüfung sicher nicht bestehen würde. Dies wiederum widersprach nun klar den weltweit generell gültigen Prüfungsregeln.

    Unser Professor wandte sich in seinem Dilemma an chinesische Mitarbeiter der Universität und schilderte ihnen den Fall. Sie hörten aufmerksam zu, nickten und dachten nach: "Wir werden uns etwas einfallen lassen." Erleichtert kehrte der Professor in seine Studierstube zurück. 

    Am Prüfungstag allerdings erlebte er eine Überraschung: Im Prüfungssaal, einem Hörsaal mit hintereinandergetürmten Sitzbänken alten Stils, standen regelmäßig alle paar Reihen postiert chinesische Wachen in schwerer Montur, mit Maschinengewehren bewaffnet. Ihre Präsenz sollte dafür sorgen, dass niemand der Anwesenden im Saal -  der besagte Student eingeschlossen - schummelte - und diese Strategie verfehlte gewiss nicht ihr Ziel!

    Die chinesischen Berater hatten auch für dies scheinbar unlösbare Dilemma eine wirkungsvolle Lösung gefunden.

    (Hierzu sei angemerkt, dass im Alten China zu Zeiten des Konfuzius ein philosophischer Wettstreit herrschte, ob der Menschen von Natur aus gut oder böse sei, und ob er entsprechend frei seinen eigenen Entscheidungen überlassen oder aber gemaßregelt werden müsse. Damals gewann die Annahme, dass der Mensch Gesetze und Führung durch den Staat bedürfe, also die Variante der Maßregelung - die sich anschließend im Staatswesen durchsetzende Herrschaftsform nennt sich 'Legalismus'.) 

    Unser Professor wusste wohl nicht um diese alten legalistisch geprägten Strukturen Chinas, vielleicht hatte er auch einfach noch nie so viele Bewaffnete in seinem Prüfungssaal gesehen: Nach ein paar Monaten entschloss er sich, nach Hause in sein Heimatland zurückzukehren.

    Was nun aber aus dem chinesischen Studenten geworden ist, ist in den Wirren dieser chinesischen Historie untergegangen und nicht überliefert.

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